
Sonnenstrahlen brechen durch das Abteilfenster, Wolken rasen vorbei, die Luft ist kalt und trocken. Die Endstation des Snalltaget lautet Stockholm und wird voraussichtlich um 14 Uhr erreicht. Davor schlängelt sich die Wagenformation durch eine Reihe deutscher, dann dänischer und schließlich schwedischer Städte. Skövde ist keine davon.
Die kleine schwedische Stadt, umgeben von anderen kleinen schwedischen Dörfern liegt eingebettet zwischen tiefen Seen und sagenumwobenen Ungeheuern darin. Wer sie besuchen will begibt sich in Kopenhagen oder Malmö aus dem Snalltaget und reist mit einer Reihe anderer Züge gen Norden.
Nicht weit vom Bahnhof Skövde, hinter rosa Fasaden und einer grünen Eingangstür befindet sich die Skaraborgs Konstgrafiska Verstad; eine Werkstatt vor 44 Jahren gegründet und seit dem kollektiv betrieben. Der Geist vieler Drucker*innen steckt in den Wänden der verschachtelten Räume und ist kaum zu übersehen. Auf Pressen und Arbeitstischen finden sich viele alte Werkzeuge, verstaubte Kupferplatten und angebrochene Farbtuben. Unterschiedlichste Menschen haben diese Räumlichkeiten genutzt, beschmutzt, gesäubert und natürlich geformt.
Im Juli dufte auch ich, durch das Stipendium der LHS Dresden eine davon werden und meinen Farb-Finger-Abdruck auf dem Antriebsrad einer der Pressen hinterlassen. In einem der hinteren Räume, versteckt hinter morschen, verwinkelten Wänden, mit einem Fenster zum Innenhof habe ich mich mit meinen Kupferplatten und Druckfarben eingerichtet.
Tag für Tag, Druck für Druck, Platte für Platte. Viele Platten habe ich mit einer Mischung aus Seife, Pigment und Öl bemalt. Die Strukturen, die sich auf der Platte ergeben können wässrig und leicht oder borstig und hart werden, je nach Konsistenz der zusammengebrauten Paste.
(Diese Technik nennt sich Soapground Aquatint und ist im Buch magical secrets about aquatint zu finden.) Nach der Ätzung werden die Rillen mit Fabe gefüllt und die Kupferplatte durch die Presse gezogen. Dannach wieder Stille, Betrachten, Abwägen und schließlich entscheiden wohin.
An einem Tag habe ich mich entschieden nicht in die Werkstatt, sondern nach Stockholm, zur Endhaltestelle des Snalltaget zu fahren. Eine gute Entscheidung, denn Stockholm umgibt eine Magie, die schon beim Betreten des Bahnsteiges wahrnehmbar ist.
Eine Stadt, in der unsichtbare Straßendiebe dir ganz unbemerkt ein, zwei Stunden aus der Tasche ziehen, während du am Wasser flanierst und aus dem Staunen nicht mehr heraus zukommen scheinst.
Besonders prägend waren für mich die Stoffarbeiten von Britta Marakatt – Laba, die ich im moderna muset in Stockholm erleben konnte.
Stille Konzentration sammelt sich um die bestickten Stoffe. Die Künstlerin zieht mich in ihren Bann, ich bin fasziniert wie jede Stofffaser von Spiritualität, Bräuchen, Riten und dem Leben der Samen (indigenes Volk, lebt im nördlichen Teil von Schweden, Norwegen und Finnland) erzählt. Ich halte die Luft an vor Anmut und atme erst wieder, als ich auf dem Weg zurück nach Skövde bin.
Etwa siebzig Bögen Hahnemühle Bütten, deihundert Gramm, kleingerissen in viertel, achtel und sechzehntel Bögen, sowie circa fünfzehn Kupferplatten, vielfach bearbeitet und mit rotbrauner Eisen III Chlorid Lösung geätzt, sind das Ergebnis der fünf Wochen in Skövde.
Sie befanden sich etwa zehn Wochen geschützt in einem Panzer aus mehreren Lagen Wellpappe und Luftpolsterfolie irgendwo zwischen Dresden und Skövde, und ich hoffte jeden Tag, dass es klingeln würde und ich ein Paket aus Schweden bekämme.
– bis jetzt.
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